Sustainable Finance: Vom Risiko zur Transformation
Zwischen ESG-Risikobewertung und Transformationsbegleitung: Wie Banken Unternehmen auf dem Weg in die Zukunft unterstützen.
„Ich sehe es als meine Aufgabe als Banker, meinen Kunden aufzuzeigen, was kommen wird.“ Es ist ein Satz, der die Panel-Diskussion zu Sustainable Finance auf der ZNU-Zukunftskonferenz 2026 prägnant zusammenfasst. André Schüller, Vorstand der Sparkasse Osnabrück, diskutierte dort gemeinsam mit Bodo Sentker, Leiter Sustainable and Transformation Finance Firmenkunden Deutschland bei der Deutschen Bank, unter Moderation von Prof. Dr. Christian Kölle, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Düsseldorf, über die Rolle von Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft.
Die zentrale Botschaft des Panels: Nachhaltigkeit bleibt ein relevanter Bestandteil von Finanzierungs- und Risikostrukturen. Auch wenn sich regulatorische Rahmenbedingungen für Unternehmen durch das Omnibus-Paket verändern, beschäftigen sich Banken weiterhin intensiv mit ESG-Themen – sowohl aufgrund regulatorischer Anforderungen als auch aus eigenem Interesse an einer langfristig tragfähigen Risikosteuerung und der Erschließung neuer Geschäftschancen. André Schüller machte dabei deutlich, dass er seine Rolle und die seiner Sparkasse nicht allein in der Bewertung von Risiken sieht, sondern auch darin, Kunden frühzeitig Orientierung zu geben und sie auf absehbare Veränderungen vorzubereiten. „Ich finde, das ist verdammt noch mal meine Pflicht als Banker, wenn ich heute überzeugt bin, dass das genauso kommt, dann muss ich die Unternehmen heute darüber aufklären.“
Nachhaltigkeit als Teil von Risikoüberlegungen und Kreditbewertung
Lange wurde Nachhaltigkeit vor allem als Kommunikations- oder Reputationsfrage diskutiert. Heute betrachten Banken zunehmend auch die wirtschaftlichen Auswirkungen von Klimarisiken, regulatorischen Veränderungen oder Transformationsprozessen.
„Das sind Kreditrisiken, die berücksichtigt werden müssen. Es bietet aber auch Chancen“, betonte Bodo Sentker. Extreme Wetterereignisse, Veränderungen von Märkten oder die Anpassungsfähigkeit von Geschäftsmodellen könnten langfristig Einfluss auf die wirtschaftliche Stabilität von Unternehmen haben. Neben der frühzeitigen Erkennung von Risiken wird Nachhaltigkeit zunehmend auch als strategisches Handlungsfeld verstanden, das Innovationen, Kundenbeziehungen und die Finanzierung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle unterstützt.
Besonders konkret wurde die Diskussion, als André Schüller aus seiner Erfahrung mit den Kunden der Sparkasse Osnabrück erläuterte, wie sich Nachhaltigkeits- und Transformationsrisiken perspektivisch auf Finanzierungsentscheidungen auswirken können. Er skizzierte drei mögliche Entwicklungen. Erstens könnten sich Finanzierungsbedingungen verändern: „Der Kredit wird teurer, weil das Ausfallrisiko höher wird. Das heißt, dein Rating ist schlechter.“ Zweitens könnten einzelne Vorhaben schwieriger finanzierbar werden. „Dann sagen wir: Nein, das finanzieren wir gar nicht mehr.“ Und drittens könnten sich Banken künftig noch intensiver mit der langfristigen Tragfähigkeit einzelner Geschäftsmodelle auseinandersetzen. Dies wird heute bereits im Immobilienbereich deutlich, wie André Schüller verdeutlicht: „Wenn Sie heute ein Haus kaufen, Energieklasse G oder H, das finanzieren wir ohne einen Sanierungsplan nicht mehr.“ Gerade deshalb versteht er es als Aufgabe des Bankers, Kunden frühzeitig auf solche Entwicklungen hinzuweisen.
Beide Panelteilnehmer betonten zudem, dass diese Entwicklung nicht als Bestrafung von Unternehmen verstanden werden sollte. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie Unternehmen auf zukünftige Veränderungen vorbereitet werden können. Banken verstehen ihre Rolle zunehmend darin, Risiken transparent zu machen und Unternehmen frühzeitig bei notwendigen Transformationsprozessen zu begleiten.
Das eigentliche Problem: fehlende Daten
Mit der stärkeren Berücksichtigung von ESG-Risiken gewinnen belastbare Nachhaltigkeitsdaten an Bedeutung. Während Unternehmen durch den europäischen Omnibus teilweise von Berichtspflichten entlastet werden, bleibt der Informationsbedarf der Banken bestehen. „Die Entlastungen betreffen nicht die Berichtspflichten und Anforderungen an die Banken“, betonte Sentker. Fehlende Daten erschweren aus Sicht der Finanzinstitute die Risikobewertung, während belastbare Informationen eine differenziertere Einschätzung von Unternehmen ermöglichen. Schüller beschreibt die Konsequenz ungewöhnlich offen: „Wenn wir etwas schätzen müssen, müssen wir einen Risikoaufschlag nehmen. Selbst Unternehmen, die vielleicht bereits nachhaltiger wirtschaften als ihre Branche, könnten schlechter bewertet werden, schlicht weil sie keine belastbaren Daten liefern. Ich bin überzeugt, dass der eine oder andere heute schon besser wäre, als er ist.“
Sustainable Finance als Chance
Sowohl Sentker als auch Schüller betonten, dass Sustainable Finance Banken und Unternehmen die Möglichkeit bietet, Transformationsprozesse aktiv zu gestalten.
Dabei gehe es nicht nur um die Finanzierung klassischer Umweltprojekte. Vielmehr unterstützten Banken zunehmend Investitionen, die Unternehmen langfristig zukunftsfähig machen – beispielsweise durch Förderkredite oder Transformationsfinanzierungen, etwa für neue Technologien, Kreislaufwirtschaft oder den Ausbau erneuerbarer Energien. „Es soll heute nicht der Eindruck entstehen, dass man ab morgen als Unternehmen keinen Kredit mehr bekommt, wenn man nicht nachhaltig ist. Es kommt darauf an, ob man sich der Risiken bewusst ist und konkrete Maßnahmen ergreift. Wenn man einen Plan hat, wie man nachhaltiger werden und transformieren möchte, dann ist es das, was Banken begleiten wollen“, so Sentker. Viele dieser Investitionen eröffnen nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Potenziale. Sentker brachte diese Entwicklung auf den Punkt: „Der Blick auf das Thema hat sich geändert und der Fokus liegt heute auf Energiesicherheit, Zukunftsstrategie, Transformationsnotwendigkeit, Wettbewerbsfähigkeit oder Resilienz und nicht mehr so stark auf Regulatorik und Berichtspflichten.“
Die Debatte verändert sich
Die Diskussion verdeutlichte auch, dass Nachhaltigkeit längst über die Finanzbranche hinaus an Bedeutung gewonnen hat. Anforderungen entstehen zunehmend entlang von Lieferketten, im Austausch mit Kund:innen, Investor:innen, Geschäftspartner:innen oder Mitarbeitenden. Schüller verwies hier auf veränderte Erwartungen von Beschäftigten: „Die jungen Leute, die wir einstellen, fragen danach: Was macht ihr denn zum Thema Nachhaltigkeit?“ Damit entwickelt sich Nachhaltigkeit zunehmend von einer regulatorischen Anforderung zu einem Wettbewerbsfaktor und wird immer stärker Teil unternehmerischer Strategie. Viele Unternehmen haben Nachhaltigkeit bereits strategisch verankert, andere befinden sich auf dem Weg dorthin. Entscheidend ist die Bereitschaft, die eigene Zukunftsfähigkeit aktiv zu gestalten.
Nachhaltigkeit bleibt
Die Diskussion auf der ZNU-Zukunftskonferenz machte deutlich: Nachhaltigkeit sollte weder ausschließlich als regulatorische Anforderung noch als potenzielle Einschränkung bei Finanzierungen verstanden werden. Vielmehr bietet sie Unternehmen die Möglichkeit, Risiken frühzeitig zu erkennen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und neue Zukunftschancen zu erschließen. Die Panelisten betonten, dass Banken sich dabei als Begleiter von Transformationsprozessen verstehen. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, ob Unternehmen bereits alle Anforderungen erfüllen, sondern ob sie einen glaubwürdigen und zukunftsorientierten Transformationspfad verfolgen. Der Abschlusstenor des Panels war entsprechend positiv: Unternehmen sollten die Chancen erkennen, die Nachhaltigkeit für Geschäftsmodelle, Innovation und langfristige Zukunftsfähigkeit bieten kann. Nachhaltigkeit wurde dabei nicht als Belastung, sondern als strategische Möglichkeit verstanden, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und den Wandel aktiv zu gestalten. Banken können diesen Prozess unterstützen – entscheidend sei aber auch das Eigeninteresse der Unternehmen, Risiken vorausschauend zu managen und ihre Zukunftsfähigkeit langfristig zu stärken.
Die Nachlese wurde von Dr. Verena Timmer und Dr. Charlott Hübel verfasst.